'Schon Löwen gesehen?' - Afrika und seine Darstellung in den Medien

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23.04.2018
malawi_admin
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"Afrika – das große Land. Voller atemberaubender Wüsten, Savannen und undurchdringbaren Dschungel, in denen sich die Leute seit Jahrhunderten von Primaten, Zebras und Rindern ernähren. Natürlich nackt, maximal mit Leinentüchern bedeckt. Von den Bürgerkriegen und dem überall präsenten elendigen Hunger mal abgesehen. Piraten gibt es hier auch irgendwo.

Ich wache auf. Von draußen höre ich bereits die tribalen Stämme um das morgendliche Lagerfeuer tanzen, von dem Rhythmus der Ledertrommeln begleitet. Trete ich aus unserer Schlammhütte mit Strohdach hervor, kommen schon die ersten halbnackten, schmutzigen Kinder mit Fliegen in den Augen, auf dem Weg zur Arbeit. Diesmal mit besonderer Obhut, denn der nächstgelegene Stamm hat gestern wieder Aufruhr verbreitet. Diese primitiven, halbnackten, kriegsbemalten und mit Ak74 ausgestatteten Warlords, ziehen von Dorf zu Dorf auf der Suche nach neuen Zwangsrekruten."

 

Schockiert? Hoffentlich.

Seien wir mal ehrlich: an was denken wir, wenn wir an Afrika denken? Ich habe hier ein paar Auszüge aus dem Artikel „How to write about Africa" von Binyavanga Wainaina, in dem es darum geht, wie man ein Buch über Afrika schreibt, die es zwar sarkastisch, aber gut treffen:

„Verwenden Sie in Ihrem Titel immer das Wort "Afrika" oder "Dunkelheit" oder "Safari". Untertitel können die Wörter "Sansibar", "Masai", "Zulu", "Samburu", "Kongo", "Nil", "Groß", "Trommel"oder "Sonne" sein. Nützlich sind auch Wörter wie "Guerillas", "Zeitlos", "Primordial" und "Tribal". Beachten Sie, dass "Menschen" Afrikaner bedeutet, die nicht schwarz sind, während "Die Menschen" Schwarze Afrikaner bedeutet.

Niemals ein Bild eines gut gut gekleideten Afrikaners auf dem Cover Ihres Buches oder darin, es sei denn, dieser Afrikaner hat den Nobelpreis gewonnen. Eine AK-47, vorstehende Rippen, nackte Brüste.

Behandle in deinem Text Afrika, als wäre es ein einziges Land. Es ist heiß und staubig mit rollenden Wiesen und riesigen Herden von Tieren und großen, dünnen Menschen, die verhungern. Oder es ist heiß und dampfig mit sehr kurzen Leuten, die Primaten essen. Bleiben Sie nicht mit genauen Beschreibungen stecken. Afrika ist groß: 900 Millionen Menschen, die zu sehr damit beschäftigt sind, zu verhungern und zu sterben und Krieg zu führen und auszuwandern.

Stellen Sie sicher, dass Sie zeigen, wie Afrikaner Musik und Rhythmus tief in ihrer Seele haben, und dass sie Dinge essen, die kein anderer Mensch isst. Erwähnen Sie nicht Reis und Rindfleisch und Weizen; Affe-Gehirn ist eine afrikanische Küche der Wahl, zusammen mit Ziege, Schlange, Würmer und Larven und alle Arten von Wildfleisch.

Tabuthemen: gewöhnliche häusliche Szenen, Liebe zwischen Afrikanern (es sei denn, es handelt sich um einen Tod), Hinweise auf afrikanische Schriftsteller oder Intellektuelle, Erwähnung schulpflichtiger Kinder, die nicht an Frambösie oder Ebola-Fieber oder Genitalverstümmelung leiden."

 

Armut, Aids, Hunger, Korruption, Krieg, Diktaturen, Wildnis – all das sind Schlagwörter, die vielen in unserer westlichen Welt als erste einfallen, wenn wir an den afrikanischen Kontinent denken. Zudem rede man immer so, als sei Afrika ein einziges Land. Afrika besteht aus 55 Ländern und über 3.000 Sprachen. Jeder Sprache ist an eine eigene Kultur gebunden, allein Nigeria hat 500 Sprachen. Nein, keine 500 Dialekte, sondern grammatikalisch voneinander zu unterscheidende Sprachen. Würden wir uns freuen, wenn Deutschland und Frankreich ständig über einen Kamm geschert werden?

Schuld daran, ist oftmals eine eindimensionale Berichterstattung. Man nimmt sich nicht die Zeit, die Länder und damit verbundenen Kulturen differenziert darzustellen, was mit einer gewissen Ignoranz und Arroganz verbunden ist.  Außerdem wird mit Afrika meist der Subsahara-Teil gemeint, also alles unterhalb der Sahara, während die nordafrikanischen Länder eher dem arabischen Raum zugeordnet werden.

 

Wenn Afrika vorkommt, dann vor allem, wenn es um schlechte Neuigkeiten geht. So entsteht das Bild, dass der Kontinent überall von Hunger, Elend und Katastrophen geprägt ist. Wir sollten es vor allem vermeiden, die Verhältnisse Afrikas mit denen Europas zu vergleichen. Man sollte diese eher damit vergleichen, wie Afrika vor 20 Jahren war. So ist, nur beispielsweise, die HIV/AIDS-Rate in Malawi innerhalb der letzten 20 Jahre von 15% auf 10% gesunken. Frauen haben ein gewisses Maß an Rechten erworben und jeder Bürger hat einen kostenlosen Personalausweis bekommen. Leider ist Malawi in unseren Medien zu klein und unbedeutend, daher wird lieber von einem erneuten islamistisch-motivierten Anschlag der Boko Haram in Nigeria berichtet, oder ein erneuter Spendenaufruf gefordert, für Länder, die von den eigenen skrupellosen Politikern ausgenommen werden.

Wir nenne sie Ureinwohner Afrikas, statt einfach nur Einwohner, namenlose Massen die, wenn sie einen Namen bekommen, den Masai, Samburu oder San angehören. Und was ist mit den anderen 98% der Einwohner, die nicht indigenen Völkern angehören? Googelt man „Africa People", sind die ersten dutzend Bild-Ergebnisse indigene Völker, wie es sie in Afrika nur noch allzu selten gibt (Stand April 2018). Denn in Wahrheit laufen die meisten nicht nackt, ohne Teller in den Lippen und nicht bemalt durch die Gegend, sondern in westlicher Kleidung, mit Aktentasche und mobilem Telefon. 

Ja, Afrika ist arm. Aber der Großteil ist nicht so arm, wie wir ihn uns vorstellen. Afrika ist von starken Gegensätzen geprägt: Es gibt Schlammhütten und Villen, kleine Bauern und Bänker, Ochsen-Wägen und Limousinen, Maisbrei und Lachsfilet.

Dass die absolute Mehrheit der Menschen keinen Zugang zu Luxusgütern hat, das ist wahr. Dennoch leugnet es nicht die Tatsache, dass es auch in afrikanischen Staaten Millionäre, Fernseher, Autos und mobile Telefone gibt. Trotzdem wird Afrika in deutschen Geschichtsbüchern in der Schule nur auf fünf Seiten behandelt, in denen es hauptsächlich um indigene Stämme und die Tierwelt geht, eventuell noch um drei Vor- und Nachteile der Kolonialzeit, die man auswendig lernt, um sie anschließend wieder zu vergessen.

 

Daher hier mal ein paar zweidimensionale Impressionen aus Malawi und Tansania:

 

Referenzen und Quellen:

‘How to Write About Africa’, by Binyavanga Wainaina. © Binyavanga Wainaina, 2005. 


Über mich

Hallo, ich bin Max Lachnicht!

Ich komme aus Gronau-Epe, nahe Münster in Westfalen und bin neunzehn Jahre alt.

Momentan mache ich mein Abitur am Canisiusstift in Ahaus und werde ab September im Rahmen des Kolpingwerk Deutschlands ein freiwilliges soziales Jahr in Malawi machen!

Wieso ich das mache?