Arm aber glücklich ?

Lesezeit ca.: 5 Minuten, 39 Sekunden

17.01.2018
MaxLa
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„Die Leute in Afrika haben so wenig, sind damit aber so glücklich!“  - Wirklich? Mehr darüber erfahrt ihr hier.

 

Die Leute in Afrika haben so wenig, sind damit aber so glücklich!“

Wie oft ich diesen Satz in jeglicher Ausführung oder Interpretation schon gehört habe, ob in Deutschland, oder hier in Malawi von durchreisenden Backpackern. Allgemeinen die Annahme, dass die Menschen hier in Malawi glücklicher sind als wir Westeuropäer ist meiner Meinung ambivalent. Mit diesem Blogartikel möchte ich versuchen, euch ein wenig für dieses Thema zu sensibilisieren, ohne dabei wie eine nervige Moralapostel zu wirken, denn diese Annahme macht mich immer wieder ein bisschen unbehaglich.

 

Zuerst einmal, wann sind Menschen denn wirklich glücklich? Oder besser: Wann scheinen sie (für uns) glücklich zu sein?

 

Reichen ein einfaches Lächeln in die Kamera oder die üblichen euphorischen, traditionellen Tänze um festmachen zu können, dass die Menschen glücklich sind? Denn mehr bekommen wir auf der Durchreise meistens leider nicht wirklich präsentiert, nicht wahr? Wenn wir durch armere Länder reisen stimmt es durchaus, dass wir wunderbar lächelnde Gesichter und freudiges Gelächter sehen, die den Eindruck vermitteln können, dass die Leute vollkommen glücklich seien.

Aber als Kurzzeitreisender oder Außenstehender würde ich mir die Frage stellen, ob diese Beobachtungen genügend Einsicht vermitteln, um sich ein fertiges Bild der Kultur machen, und die Emotionen der Menschen nachvollziehen zu können. Denn genau diese lachenden, spielenden und singenden Menschen könnten privat ernste Probleme haben, die diese „Glücklichkeitsfassade“ verbergen mag. Wir vermögen es nun mal, uns unbekannte Dinge vereinfachen zu wollen.

Lächeln und Freundlichkeit sind, zumindest in Malawi, ein Zeichen der Gastfreundlichkeit und des Respekts. Vielleicht lächeln die Leute ja auch nur, damit wir ihnen aus Sympathie mehr Geld geben? Ich möchte das jetzt keinesfalls pauschalisieren, natürlich sind viele Leute hier glücklich, ein guter Freund hier hat mir einmal gesagt: „We're not rich in money, but rich in love.“ Ob Armut und Zwischenmenschlichkeit nun Hand in Hand gehen, das will ich nicht sagen, allerdings sind viele Menschen auf sozialer Ebene sehr fürsorglich und, ja, glücklich.

 

Um sagen zu können, man sei „Arm aber glücklich“, muss man erst einmal schauen, was denn Armut überhaupt ist, denn Armut ist nicht nur das Fehlen von Geld. Ohne Geld glücklich sein – das kann ich mir noch vorstellen.

„Ihr habt Laternen die nachts Licht schenken, wir den klaren Sternenhimmel. Euch beschützt das Gesetz, uns die Familie.“, so lautet ein Sprichwort der Ngonde, die im Grenzgebiet Malawis zu Tansania leben. Armut bedeutet aber wiederum auch Krankheit, Kindessterblichkeit, Hunger, Unterdrückung und Bildungsprobleme mit Analphabetismus.

Grob gesagt: Oft sind nicht einmal die physiologischen Grundbedürfnisse der Menschen gestillt. Wem die Bedürfnispyramide von Maslow etwas sagt, der wird mich hierbei besser verstehen.

Ich persönlich würde nach meiner bisher gesammelten Erfahrung nicht sagen, dass die Leute mit dem „wenigen was sie haben“, glücklich sind, sondern dass sie aus dem, was sie haben, das beste zu machen versuchen. Denn was bleibt ihnen auch üblich? Könnten sie mehr haben, würden sie es haben wollen. Wenn arme Menschen die Möglichkeit hätten, mit uns zu tauschen, würden sie es definitiv machen. An zwischenmenschlicher Freude mangelt es den Menschen in meiner Region nicht. Zwischenmenschliche Freude kann jedoch trotz Armut existieren, aber sie als Glücklichkeit zu verallgemeinern, wäre zu einfach.

Ich möchte nun niemandem angreifen oder mich als moralisch überlegen darstellen, aber lasst euch das folgende mal durch den Kopf gehen. Ich habe dies einem Artikel entnommen, in dem es über die Debatte „Arm aber Glücklich“ geht:

„[...]Die Annahme 'Arm aber Glücklich' ist ein Selbstverteidigungs-Mechanismus. [...]

Es ist von Natur aus unfair, dass du 1000 Mal mehr hast als ein anderer Mensch, der durch das schlechte Schicksal, zur falschen Zeit am falschen Ort geboren zu sein, niemals das angenehme Leben haben wird, das du für selbstverständlich hältst, egal wie hart er für dies arbeiten würde.

Wenn du dies auf deinen Reisen sehen würdest und akzeptierst, was es ist, würdest du in Tränen ausbrechen angesichts der schrecklichen Notlager vieler Milliarden Menschen auf dieser Erde.

Aber wenn du dich selbst überzeugst – denn in der Tat täuscht du dich -, dies zu glauben, dass Arme, die mit einem Dollar pro Tag leben, glücklicher sind als du, bist du in der Lage diese für dich unangenehme Erkenntnis zu verdrängen, sodass für dich die Grausamkeit der Schicksale unterbrochen wird.

Erst dann kannst du Fotos von dreckigen Kindern auf Facebook hochladen und Likes von deinen Freunden erhalten, die kommentieren, wie glücklich alle Kinder erscheinen [...].“

 

Ich finde diesen Ausschnitt zwar ein wenig überzogen, doch im Groben und Ganzen trifft er es ganz gut. Wir sollten aufhören uns Armut afrikanischer Menschen zu romantisieren. Geld macht zwar nicht glücklich, doch Geld bietet in unserer Welt leider Perspektive, an der es hier in Malawi mangelt. Denn auch hier braucht man für nahezu alles Geld. Vielleicht denken wir auch, „arme“ Leute seien glücklich, weil diese Leute vielleicht etwas zwischenmenschliches haben, was uns Westeuropäern in unserer Gesellschaft abhanden gekommen ist? Ich lasse diese Debatte bewusst offen.

 

Mir ist es jedenfalls wichtig, euch zu appellieren, über die Aussage „Arm aber glücklich“ nochmal nachzudenken und einen Blick hinter die Kulisse zu werfen – denn dass es eine Kulisse gibt, das ist real. Sie selbst muss aber nicht die Realität sein.

Achja - Und bitte hört auf auf eurer Durchreise dreckige Babys aufzuheben und mit ihnen Fotos zu machen - Danke

 

Danke für eure Aufmerksamkeit!

 

 

 

 

Referenzen:

http://static.guim.co.uk/sys-images/Guardian/Pix/pictures/2011/5/27/1306507536397/in-Malawi-003.jpg

https://sites.psu.edu/global/2018/12/01/the-infectious-smiles-of-africa/

Artikel http://www.rooshv.com/poor-people-are-happy

 


Kommentare


Achim 20.01.2018 17:23:14

Ich bin gespannt auf die Fortführung dieser These und würde mich freuen, wenn diese nochmal aufgenommen und - mit einem Jahr Erfahrung vor Ort - beurteilt wird. Vielen Dank für den Denkanstoß!

Über mich

Hallo, ich bin Max Lachnicht!

Ich komme aus Gronau-Epe, nahe Münster in Westfalen und bin neunzehn Jahre alt.

Momentan mache ich mein Abitur am Canisiusstift in Ahaus und werde ab September im Rahmen des Kolpingwerk Deutschlands ein freiwilliges soziales Jahr in Malawi machen!

Wieso ich das mache?