Eine Kleine Alltagsgeschichte

Lesezeit ca.: 6 Minuten, 21 Sekunden

15.04.2018
MaxLa
1408

Guten Morgen!

Ich trete aus dem Haus, ziehe meine Slipper an, denn so werden hier Flip-Flops benannt. Schon nach den ersten paar Metern entfernt unseres umzäunten Grundstücks ergibt sich mir die allmählich typische Umgebung.

Toilettenhäuser der Grundschule, deren Geruch sich mir meist schon vor dem eigentlichen Anblick offenbart, mitten aus dem Nichts eine Insel aus Bananenstauden und im Hintergrund Schulgebäude mit ihren Wellblechdächern.

Totenstille.

Die Ferien werden zum Glück bald enden, die Stille ist so ungewohnt.

Aber bereits nach einiger Zeit erreiche ich die katholische Kirche und die Stille wird unterbrochen. Der Kirchenchor, deren Teilnehmer alle gleich gekleidet sind, mit blau-weißen Chintenjes, einem weißen Shirt und blauem Kopftuch, welches einem Kantinentuch ähnelt, proben vor der Kirche die Stücke für die nächste Messe, dirigiert von meinem Freund, dem ich gelegentlich Unterricht in Keyboard gebe. Da beschäftigt, nur ein kurzes Zunicken, dann überlasse ich die Hüften-schwingende Gruppe ihrem Rhythmus.

Es dauert nicht lange, da kommt mir eine Gruppe Kinder entgegen, einige lachend, die anderen wollen cool wirken. „Maxi, bo?“ „Bobo.“, Betonung auf die erste der beiden Silben. Diese Art der Begrüßung ist eigentlich nur bei Kindern beliebt, wobei man meistens jedem Einzelnen eine Antwort widmen muss, ein allgemeines „Bobo.“ reicht da nicht. Man sagt, „bo“ komme aus dem französischen „bon“, was „gut“ bedeutet. Meistens wird dabei immer der Daumen nach oben signalisiert, vielleicht wurde es damals von den Briten übernommen.

Kurz danach eine Gruppe Frauen, die mit Feuerholz auf dem Kopf, im Gänsemarsch hintereinander schleichend, mir ein kurzes „Yewo“ widmen, und konzentriert, und schweigend, weitergehen.

Bald erreiche ich die Mündung zur geteerten Hauptstraße, der M1, die von Mzuzu kommt und in den Norden führt.

Die Straße besteht aus der Fahrbahn, die schon bald der offene Rinnstein vom Rand trennt. Schaut man in den Rinnstein, findet man meistens alles andere als Wasser.

Auf der Fahrbahn erneut eine Gruppe Frauen, mit Waren auf dem Kopf, dem Kind auf dem Rücken, die Hände frei. Natürlich in schleichendem Tempo. So wie fast alles. Denn wenn man im Leben alles erreicht, was bleibt dann für die anderen? Selbst auf der breiten und oft freien Straße laufen sie im Gänsemarsch hintereinander.

Bis vor einem Jahrhundert gab es in Malawi noch keine Straßen. Die Routen waren damals schulterbreite Pfade zwischen den Feldern, das nebeneinander Laufen war daher unmöglich gewesen. Selbst heute, mit breiteren Straßen, ist das hintereinander Laufen daher noch fest in den Köpfen verankert, meistens bei den Frauen. Die meisten laufen morgens in Richtung Trading Center, das Zentrum Ekwendenis, wo es mich auch hinzieht, denn ich möchte mit dem Taxi nach Mzuzu fahren.

Je näher ich komme, desto lauter und lebendiger wird es. Die Straße zu meiner Linken wird voller, ganz egal ob von Menschen, Autos, LKWs, Fahrrädern oder Tieren. Zu meiner Rechten, dicht einander gedrängte Läden, in denen Dinge wie Paracetamol, Brot, Zigaretten, Urnen oder Gemüse verkauft werden. Vor den Läden lungern stets Menschen, einige mit skeptischem Blick, manche lächelnd, einige lachend, teilweise auch hämisch mit dem Blick auf mich gerichtet. Einige scherzen über mich, davon ausgehend, dass ich sie sowieso nicht verstehe. Wenn sie wüssten. :-) Hält man allerdings an und grüßt, oder hält man den Daumen nach oben, wird stets freundlich und höflich geantwortet. Manche testen mich auch, indem sie mich auf Chitumbuka begrüßen, viele machen es aber auch aus reiner Höflichkeit. Zum Glück komme ich damit klar, und nach einem kurzen Dialog, wie es Familie und Haus geht, wohin man geht und was man dort macht, wird sich mit einem höflichen „Yewo“ verabschiedet. Hat man die Person gekannt? Nein. Ist das hier egal? Ja, Höflichkeit betrifft alle.

Ekwendeni ist flach und ebenerdig, es gibt kaum Häuser, die mehrere Stockwerke besitzen. Keine raffinierte Architektur, keinerlei Aufwand, kein Pomp. Manche Läden aus Stein, andere sind nur Holzhütten. Der Verputz ist einfach, auf vielen ist „Airtel“ oder „Carlsberg“ geschrieben, vielleicht profitieren die Besitzer davon finanziell, das muss ich noch herausbekommen.

Noch spielt sich zu meiner Rechten das häusliche Leben ab, bald wird es zum Geschäftsleben, denn ich habe das Trading Center erreicht. Frauen stampfen Kassava, rösten über Kohlen Mais, verkaufen überschüssiges Gemüse oder Obst wie grüne Orangen, die aufwendig und sorgfältig zu kleinen Pyramiden angerichtet wurden, meistens auf dem Boden. Genauso ist es mit Tomaten, Mangos oder Fischen. Die Verkaufsfrauen sitzen brav hinter ihren Waren, oft auf Steinen, Höckern oder einfach nur ihren Versen. Fast den ganzen Tag über. Denen entgeht nichts, glaubt mir. Alle sichtbar, als gelte hier die Vorschrift, dass das Haus morgens um acht Uhr verlassen werden muss.

Die Wahrheit ist, die Wohnungen sind klein, es stinkt und man bekommt kaum Luft. Daher ist man halt draußen vor dem Haus, dort ist auch die Gemeinschaft. Frauen unterhalten sich die ganze Zeit über, schreien und gestikulieren im einen Moment, dann lachen sie wieder.

Ich rieche, dass ich mich in den Breiten unserer Welt befinde. Fleisch gammelt schneller, Fischgeruch verbreitet sich schneller, Gemüse verdirbt schneller. Wohin damit? Ab in die Straßenrinne, jawohl. Da es gerade geregnet hat, ist der Geruch umso intensiver. Vor der Straße nun einige LKWs, die darauf warten, gemietet zu werden.

Auf der Straße nun ein LKW, der in Richtung Mzuzu fährt, überbeladen mit einer Schaar Frauen, singend und jodelnd, der Menschenmenge zuwinkend. Kaum nähere ich mich dem Taxiplatz, kommt schon eine Gruppe Männer zu mir. Total hysterisch, als spiele Zeit plötzlich eine Rolle, zerren sie mich zu ihren Taxis, wobei das „Mzuzu“ meist zu „Sus“ gekürzt wird. Erst muss die riesige Pfütze umlaufen werden, die eine reizender Mann mir mal als „Second Lake Malawi“ beschrieben hat. Auf dem Taxiplatz spielen sich die alltäglichen Prozeduren ab: Männer streiten, dann lachen, dann streiten sie wieder, verkaufen gebaute Besen, Frauen verkaufen Mandazis in Eimern aus milchigem Glas, andere bieten mir ihre Orangen an, Männer warten mit ihren Fahrradtaxen auf Kunden. Nach einigen internen Diskussionen zwischen Taxifahrern und hitzigen Verlierern setzte ich mich dann endlich in mein Taxi. Natürlich geht es noch nicht los, was bilde ich mir ein.

So Leute, das war es auch schon wieder! Ich habe mir vorgenommen, in der nächsten Zeit wöchentlich, wenn nicht sogar öfter, wieder einen Artikel für euch zu schreiben.

Demnächst schreibe ich euch mal wenig, zeige euch dafür aber viele Bilder. Ich hoffe, euch durch Artikel wie diesen, nachvollziehbare Einsichten gewähren zu können.

Wenn euch dieser Stil gefällt, dann lasst es mich doch bitte wissen. smiley

Gruß aus Ekwendeni,

Max


Über mich

Hallo, ich bin Max Lachnicht!

Ich komme aus Gronau-Epe, nahe Münster in Westfalen und bin neunzehn Jahre alt.

Momentan mache ich mein Abitur am Canisiusstift in Ahaus und werde ab September im Rahmen des Kolpingwerk Deutschlands ein freiwilliges soziales Jahr in Malawi machen!

Wieso ich das mache?